FAZ 06.02.2026
06:20 Uhr

Start bei Olympia 2026: Der wahre Wert der Spiele


Der Deutsche Olympische Sportbund möchte mit seinem Team in Italien unter die besten drei Nationen kommen. Der größte Wert für die Entwicklung des Sports hängt aber nicht von Medaillen ab.

Start bei Olympia 2026: Der wahre Wert der Spiele

Haben wir in Deutschland nicht ein Problem im Spitzensport? Seit 2012 wird um eine Reform gekämpft. Funktionäre und Politiker beklagen seit Jahren einen Medaillenschwund. Analysten, ob nun qualifiziert oder nicht, sprechen vom Niedergang der Leistungskultur, mitunter abgelesen an Regeländerungen bei den – einmal im Jahr ausgetragenen – Bundesjugendspielen oder an der Idee, im Kinderfußball Tabellen nicht ernster zu nehmen als die Vermittlung der Spielfreude. Vor den Winterspielen ist davon, zumindest auf den Podien, keine Rede. Im Gegenteil. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat Rang drei in der sogenannten Nationenwertung als Ziel ausgerufen. Rang drei, nach Platz zwei vor vier Jahren bei den Quarantänespielen in Peking? Das klingt so wenig nach Leistungsschwäche. Vielleicht wäre es trotz des guten Rates, immer über die eigenen Grenzen hinaus zu schauen etwa auf angebliche Erfolgsmodelle der Nachbarn, klug, wenn der (teils) schwächelnde deutsche Sommersport auch die deutschen Winterverbände inspizierte. Vielfalt auf hohem Niveau im deutschen Team In Italien wird der geneigte Sportfreund das größte deutsche Team bei Winterspielen auf Eis und Schnee sehen können. In fast allen Disziplinen treten deutsche Athleten und Athletinnen an. Das allein ist eine besondere Qualität: nicht auf ganzer Breite irgendwie dabei zu sein, sondern eine Vielfalt auf hohem Niveau zu bieten. Die ist nicht „nur“ in der Bob- und Rodelbahn zu erwarten. Ein paar Alpine ließen zuletzt wiederholt aufhorchen, im Eiskunstlauf verzaubert das deutsche Paar an guten Tagen die Welt, manche Skispringerin ist für große Sätze bereit, die Nordischen Kombinierer sind für ihre Attacken im letzten Moment bekannt, auf dem Snowboard geht auch was und im Skicross würden die Deutschen, bliebe eine Medaille außer Reichweite, enttäuscht heimkehren. Selbst im Eisschnelllauf geht’s wieder ein bisschen voran. Spitzenathleten versetzen andere in Bewegung Das spricht noch nicht für einen allseits funktionierenden, unbürokratischen, effektiven und sauberen Spitzensport. Aber sicher für die grundsätzliche Bereitschaft der Deutschen, jungen Menschen zur Entfaltung ihres Talents auch dort zu verhelfen, wo der Scheinwerfer mehr oder weniger nur einmal alle vier Jahre hinleuchtet. Das ist besonders wertvoll, solange dahinter ein belastbares Verständnis steckt für die Entwicklung von Sport: Das Auftreten der Besten bei Olympischen Spielen wirkt immer noch inspirierend. Diese geballte Ladung in allen Facetten von morgens bis abends begeistert nach wie vor Groß und Klein. Sie werden dabei geleitet vom Interesse an den Landsleuten, von deren Glück und Erfolg, mitunter von herzzerreißenden Dramen. Aber sie werden auch fasziniert vom Mut, von der Kraft, der Schnelligkeit und der Eleganz der anderen. So, wie Mikaela Shiffrin Ski fährt, Connor McDavid Eishockey spielt, Quentin Fillion Maillet läuft und schießt, wie Eileen Gu im Ski-Freestyle wirbelt oder Eiskunstläufer Ilia Malinin vier Drehungen in der Luft schafft. Wer das nicht sieht, kann den größten Wert Olympischer Spiele nicht erfassen: die Fähigkeit der Sportler in nur einem Wettkampf, mitunter in wenigen Minuten, viele Menschen in Bewegung zu versetzen. Manche für ein Leben lang. Das ist mehr wert als Rang drei. Und kann doch, wer’s braucht, zu Rang zwei führen.